Die Goten - unser gemeinsames kulturelles Erbe

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Ein Gespräch mit Dr. Rossen Milev, Leiter des Goten-Projekts an der Balkan Media Academy, Sofia, Bulgarien.


G/Geschichte: Herr Dr. Milev, das Hauptquartier Ihres Projektes trägt den Namen »Wulfila-Haus«. Wie kommt ein gotischer Bischof aus dem 4. Jh. zu dieser Patenschaft?
A: Bischof Wulfila (311–383) war eine der herausragendsten Persönlichkeiten in der frühen Kulturgeschichte Europas. Hier, in Mösien (dem heutigen Nordbulgarien) vollbrachte er eine einmalige zivilisatorische Leistung – er verschriftliche und normierte eine mündliche, »barbarische« Sprache, das Gotische, übertrug in sie die Heilige Schrift aus der griechischen Vorlage. Dafür schuf er auch ein eigenes Alphabet aus griechischen und lateinischen Buchstaben sowie aus einigen gotischen Runen. Das Werk Wulfilas kann man mit Recht als eine Sprachschöpfung bezeichnen, denn er erweiterte und bereicherte auch den gotischen Wortschatz, schuf die abstrakten Begriffe der christlichen Lehre in Gotisch, entwickelte die grammatischen Strukturen dieser Sprache. Als Arbeit eines einzigen Mannes bleibt so ein Werk in der Geschichte Europas bahnbrechend. Erst 500 Jahre später vollbrachten die Heiligen Kyrill und Methodius eine ähnliche geistig-kulturelle Schöpfung für das Slawische und ca. 1200 Jahre später Martin Luther für das Deutsche.
In einer unruhigen Zeit von politischen Umbrüchen, Wirren und Kriegen auch von geistig-religiösen Auseinandersetzungen wirkte Bischof Wulfila außerdem als Humanist, im Sinne der heutigen europäischen Werte – des Friedens, der Bildung und Aufklärung, der Toleranz. Als geistliches und weltliches Oberhaupt seiner »Gothi Minores« begründete er auch das erste autonome Modell der Selbstverwaltung von freien, nicht kriegsdienst- und steuerpflichtigen Bauern innerhalb des Spätrömischen Reiches. Das ist ein einmaliges wirtschaftspolitisches und kulturelles Phänomen für die damalige Zeit, das auch für die späteren Epochen zukunftsweisend wurde.
Der Gotenbischof war auch einer der Pioniere in dem Aufbau eines real wirkenden Modells von interkultureller Zusammenarbeit und Integration, denn er wirkte, wie seine Biographen damals schreiben, nicht nur für seine Goten, sondern gleichzeitig auch für die Latein und Griechisch sprechende Bevölkerung seines autonomen Gebiets.
Kurz gesagt ist Wulfila für uns einer der geistigen Vorfahren und Gründerväter Europas. Unser Wulfila-Haus trägt seinen Namen ganz im Sinne und zu Ehren der Erinnerung an diesen großen Europäer und der von ihm begründeten europäischen Traditionen und Kontinuitäten.
G/Geschichte: Zu den zukunftsweisenden Leistungen Wulfilas gehörte sicher die erste erfolgreiche Christianisierung eines Germanenvolkes.
A: Ja, er wurde wegen seines imposanten Werkes als christlicher Missionar, Theologe, Übersetzer und geistliches Oberhaupt noch zu seinen Lebzeiten als »Apostel der Goten« gerühmt. Kaiser Konstantinus, der ihm und seinem christlichen Goten-Volk im Jahre 348 Siedlungsraum und Autonomie auf römischem Gebiet in Mösien gewährte, nannte ihn sogar einen »neuen Moses«: Er habe, wie der Führer der Israeliten bei dem »Exodus« aus Ägypten, sein Volk auch aus der
Knechtschaft, diesmal der heidnischen gotischen Herrscher nördlich der unteren Donau (dem heutigen Rumänien) befreit und es in die Freiheit im Süden geführt.
Auch etwas anderes fällt im christlichen Missionswerk Wulfilas besonders auf: Bei der Übersetzung der Bibel ließ er die kriegserfüllten alttestamentarischen Bücher »Könige« weg, um, wie die Kirchenhistoriker jener Zeit behaupten, nicht den kriegerischen Geist der Goten noch mehr anzuschüren. Er wollte aus ihnen ein friedliebendes Volk machen. Das gelang ihm nur bei seiner Gemeinde der Gothi minores, über die er auch eine politische Macht hatte, nicht für die Goten überhaupt, die weiterhin Kriegsmeister und etwas später auch die ersten Eroberer vom kaiserlichen Rom wurden. Doch die Gothi minores blieben auch nach dem Tode Wulfilas seinem Friedensideal treu – etwa zwei Jahrhunderte später berichtete der spanisch-westgotische Theologe und Historiker Isidor de Sevilla (560–636) in seiner Geschichte der gotischen Königreiche von dem exemplarischen Friedlieben der Mösien-Goten, die weiterhin an den nördlichen Hängen des Balkan-Gebirges lebten. Um mit dem Hegelschen Begriff zu sprechen, gelang Wulfila für das von ihm geführte Volk auch in der Praxis die Bekehrung von der »Religion des Hasses« zu einer »Religion der Liebe«.
Wulfila galt aber für die spätere offizielle Kirche als Arianer – die zu seiner Zeit vorherrschende Glaubensdeutung, die dem Gott-Vater einen Vorrang vor dem Sohn Christus zusprach. Auch wenn neueste linguistische Untersuchungen seinen Arianismus eher in Frage stellen, blieb Wulfila wegen dieser theologischen Abweichung in späteren Zeiten eher ignoriert. Die Details seiner Biographie zeigen aber, dass, wenn er überhaupt Arianer gewesen sein soll, er eher offen (heute würde man sagen: ökumenisch) eingestellt gewesen ist und für die Einheit der Kirche kämpfte. Deshalb fand wohl sein Werk sowohl eine orthodoxe Fortsetzung in Konstantinopel, auf der Krim und zum Teil in Mösien, als auch ein arianische in Westeuropa – in den gotischen Reichen von Ravenna und Toulouse/Toledo.
Mösien wurde durch Wulfila zu einem wahren »Labor des Glaubens«, teilweise einer orthodoxen, teilweise auch einer freieren, undogmatischen Interpretation des Christentums. Auf gotisch-arianischer Grundlage entstand hier im 9. Jh. die Häresie des Bogomilentums, einer im Grunde alternativen, antifeudalen christlichen Lehre, die auf die altchristlichen Ideale aufbauend, Reichtum und Herrscher, auch das Materielle als solches verdammte und zum absoluten Friedlieben, gegen Krieg und Gewalt aufrief. Auf dem frühen Wanderweg der Goten in den Westen, wo jetzt ihre Nachfahren lebten, verbreitete sich diese Lehre nach Norditalien, wo ihre Anhänger Pateraner genannt wurden und nach Südfrankreich, wo sie Katharer und Albigenser hießen. Somit haben die wulfilanischen Nachwirkungen auf das geistige Leben in Europa eine lange und reichhaltige Geschichte.
Aber auch die offizielle Kirche hat Wichtiges aus Wulfilas theologischem Nachlass übernommen und verarbeitet, auch wenn sie das nie zugab. Wulfila war nämlich der Erste, der, wenn auch in anderer, »arianischer« Form das sog. Filioque formulierte, das theologische Postulat, nachdem der Heilige Geist nicht nur vom Gott-Vater, sondern auch von seinem Sohn Christus (daher Filioque vom lat. filius = Sohn) ausgeht. Das Filioque wurde erst im 12. Jh. offiziell Teil der katholischen Glaubenslehre. Im Unterschied zur östlich-orthodoxen, die bis heute an das Postulat festhält, dass der Heilige Geist nur vom Gott-Vater ausgeht. Diese unterschiedliche Interpretation des Heiligen Geistes bleibt auch die theologische Haupttrennlinie zwischen Katholizismus bzw. Protestantismus einerseits und der Orthodoxie andererseits.
G/Geschichte: Nach Ihren Forschungen stand das von Wulfila verwendete Alphabet am Anfang der Entwicklung der Kyrillischen Schrift?
A: Ja, das ist wiederum der wulfilanische Beitrag für die orthodoxe Kirche und Kulturtradition. Diese geradezu mathematisch verteilte Balance in der Nachwirkung in Ost und West, ist etwas Auffallendes, was zusätzlicher Analyse und wissenschaftlicher Aufarbeitung bedarf. Das Kyrillische Alphabet entstand im 9. Jh. in Mösien und wurde so zu Ehren des Heiligen Kyrill genannt, der etwas früher die Heilige Schrift ins Slawische übertrug. Unsere Forschungen ergaben, dass bei der Schaffung der Kyrilliza, auf der heute über 200 Millionen Menschen vor allem in Russland, der Ukraine, Weißrussland, Bulgarien, Makedonien, Serbien und Montenegro schreiben, neben dem griechischen Alphabet auch das Alphabet von Wulfila als eine wichtige, vielleicht als die wichtigste Grundlage verwendet wurde.
Buchstaben in ähnlicher grafischer Darstellung und gleichem Zahlenwert stimmen bei Wulfila und in der Kyrilliza überein, während im griechischen Alphabet bei diesen Buchstaben andere Grapheme und Zahlenwerte stehen. Besonders auffallend sind Ähnlichkeiten in den Namen der Buchstaben, z. B. trägt das »A« bei Wulfila den Namen »Ase« und in der Kyrilliza »Asi«, während
es im griechischen Alphabet »Alpha« heißt und im Lateinischen »A«. Die Namen der gotischen Buchstaben kennen wir von der Wiener Alkuinhandschrift, 9 Jh., die der Kyrilliza sind bis in das 20. Jh. gebräuchlich gewesen. Ebenfalls im 9. Jh. berichtet der fränkische Chronist Walahfrid Strabo, dass in Tomis (heute das rumänische Constanza am Schwarzen Meer, damals im Zentrum des mittelalterlichen Bulgariens), es weiterhin Bibel und Liturgien in gotischer Sprache gegeben habe, wie ihm »zuverlässige benediktinische Brüder« berichtet haben, die hier weilten. Es ist also geradezu natürlich, dass die alte christliche Bevölkerung der Goten der neugetauften slawisch-bulgarischen Christen im Lande in der Organisation des neuen Glaubens half, auch was das Alphabet und die Buchkultur betraf.
Bulgarien war das erste christliche slawische Land. Von hier aus verbreitete sich die slawisch-kyrillische Sprache (später Kirchenslawisch genannt), mit dem kyrillischen Alphabet geschrieben, nach Russland und der Ukraine, nach Rumänien (wo man bis ins 18. Jh. kyrillisch schrieb), nach Serbien und Montenegro. Bis heute ist Kirchenslawisch die offizielle Liturgiesprache in den slawischen orthodoxen Kirchen.
G/Geschichte: Sie haben aber auch in anderen Bereichen gotische Wurzeln gefunden, etwa in der heutigen bulgarischen Sprache?
A: Auch nach der Abwanderung von einem Großteil der West- und später der Ostgoten in Richtung Westen im 4./5. Jh., blieben bedeutende gotische Bevölkerungsgruppen auf unserem heutigen Territorium – das sind vor allem die »Gothi minores« im heutigen Nordbulgarien und die »Gothi confessores« um die Stadt Beroe (das heutige Stara Zagora) in Thrakien, dem heutigen Südbulgarien. Für die »Gothi confessores« gründete übrigens der Heilige Athanasius von Alexandrien nach dem Konzil von Serdica 344 das erste Kloster in Europa, das bis heute existiert und seinen Namen trägt. Die Goten wurden später in Integration mit Slawen, Bulgaren und Thraker Teil des sich seit dem 7. Jh. konstituierenden bulgarischen Volkes.
Die massive Beteiligung von Goten und anderen Germanen (vor allem Langobarden) an die bulgarische Ethnogenese wurde lange Zeit aus verschiedenen Gründen verschwiegen. Unsere Forschungen zeigen heute als Indikation für diesen Prozess auch einen bemerkenswerten gotischen Wortschatz von über 100 Wörtern in der bulgarischen Gegenwartssprache. Manche davon sind zwar Entlehnungen aus dem Indogermanischen, aber fallen durch ihre gleichlautende Form auf, im Übrigen auch in Bezug auf andere germanische Sprachen. Im archaischen Bulgarisch, das bis heute eher poetisch verwendet wird, heißt »Liebe« z. B. Libe, synonymisch wird auch dafür im Bulgarischen Ljubov verwendet, wobei das gotische Wort hierfür Ljubo war. Das ist ein besonders schönes Beispiel, weil es nicht nur eine wichtige Kategorie zwischenmenschlicher Beziehungen, sondern auch eine der zentralen Kategorien des christlichen Glaubens illustriert, wohl hier auch in seiner wulfilanisch-kyrillischen Kontinuität.
Wir haben sehr viele gotische und andere germanische Wörter auch in der Toponymie und Hydronymie, z. B. Dunav (Donau), German, Godec usw. Auch bei mehreren bulgarischen Eigennamen ist die gotische Grundlage sichtbar: Godo, Goto, Duda, Milka, Bojan, Stojan, Dragan, Vladimir, Ljubomir …
G/Geschichte: Vor Kurzem wurde von bulgarischen Forschern das wahrscheinliche Grab des Wulfila identifiziert. Ihre Forschungen über die gotische Sprache haben dabei eine wichtige Indizienkette geschlossen?
A: Ja, das Grab mit Baptisterium (kleiner Taufbecken) liegt in einer kleinen, sehr eindrucksvollen Felskirche, genannt bis heute Kyrika in den Bergen über der bulgarischen Stadt Kaspitschan im Nordosten Bulgariens. Lange Jahre, nachdem dieses Denkmal in den 1930er-Jahren entdeckt wurde, hat man gerätselt, wem das Grab aus dem 4./5. Jh. gehört haben könnte. Erst heute, im Rahmen unseres Goten-Projektes, konnte der »Schlüssel« für dieses archäologische Rätsel gefunden werden.
Auf der Grundlage einer interdisziplinären Recherche, an der sich Archäologen, Kunsthistoriker (ich möchte besonders den Byzanz-Kenner Doz. Dr. Zarko Zhdrakov erwähnen) und Linguisten beteiligen, haben sich die Argumente verdichtet, dass es sich höchstwahrscheinlich um die Grabkirche von Wulfila handeln könnte. Wir sind von der Etymologie des Wortes KYRIKA ausgegangen, das KIRCHE im Gotischen bedeutet. Zu dem Komplex der Felskirche gehört neben einem kleinen Kloster darunter (heute Ruinen, derern archäologische Funde ebenfalls auf diese Zeit verweisen) auch eine Eremitenhöhle, etwa 50 Meter davon entfernt, die bis heute die Höhle des »Djado Kurti« (also die Höhle des »Großvaters Wolf«) heißt. Wobei DEDJA im Gotischen der
(Helden-)Täter, der Anführer ist, und im Slawischen, davon entlehnt, der Ältere, der Großvater. Mit »Großvater« werden bis heute in Bulgarien ehrenhalber die Bischöfe und andere hohe kirchliche Würdenträger angeredet. Wir wissen außerdem, dass Wulfila im Gotischen soviel wie kleiner Wolf, das Wölflein, heißt. Man könnte die Bezeichnung der Höhle daher auch als die des »Bischofs/Anführers Wulfila« übersetzen. KURT ist im Germanischen nicht nur ein Eigenname, sondern auch ein Synonym für Wolf. Die doppelte etymologische Indikation von KYRIKA und DEDJA KURTI ist geradezu illustrativ. Außerdem ist auch der globalere archäologische Kontext der gesamten Gegend in dem Umkreis von mehreren Kilometern germanisch geprägt und nicht slawisch, thrakisch oder protobulgarisch. Das wiederum hatte der deutsche Archäologe Kurt Tackenberg bei seiner Forschungsreise in Bulgarien bereits 1929 festgestellt und in einer umfangreichen Studie beschrieben. Unsere Forschungen gehen natürlich weiter, um weitere Details für unsere Hypothese zu finden – hier werden die Ausgrabungen des zu dem Komplex gehörenden Klosters sicherlich noch zusätzliches Beweismaterial liefern.
G/Geschichte: Aufgrund der europaweiten Wanderungen der Goten finden sich solche sprachlichen Spuren aber auch bei anderen Völkern?
A: Gotische »Spuren« lassen sich in nahezu allen europäischen Sprachen feststellen. Neben der gemeinsamen indoeuropäischen Grundlage bilden sie eine wichtige Schicht des Gemeinsamen, das die germanischen, romanischen und slawischen Sprachfamilien verbindet. Darüber hinaus findet man gotische Toponyme und Hydronyme fast überall in Europa: Die schwedische Insel GOTLAND kann am Anfang einer solchen Betrachtung gestellt werden, weil laut Goten-Saga und den entsprechenden Werken über die Geschichte der Goten von Cassiodor (5. Jh.) und Jordanes (6. Jh.) die Goten ursprünglich von dieser Insel aus zur großen Wanderung aufbrachen. Aber gotisch ist auch der Name von Russland (ROSSIA), denn mit »routsi« bezeichneten Slawen und Finnen die frühen und späteren skandinavischen Einwanderer, deren zweite Welle nach den Goten – die Normannen (Waräger) – eigentlich den mittelalterlichen russischen Staat begründeten. Ein Großteil der Toponymie der Westukraine ist gotischen Ursprungs. Das hat noch in den 1980er Jahren der bekannte russische Slawist Prof. Vladimir Toporov bewiesen. Auf dem Balkan und speziell in Bulgarien haben wir Flüsse wie ROSSIZA oder Gebirge wie STRANSHA (Strange), die auch eindeutig gotischen Ursprungs sind. Eine besondere Dichte an gotisch-langobardischen Toponyme kann man auch in Norditalien verzeichnen – GOSINGA, BUSENGO, GODEGO usw. Dasselbe gilt auch für das spanische Katalanien (das von der hiesigen Gemeinschaft von Goten und Alanen abgeleitet, ursprünglich GOTALANIEN hieß).
Umgekehrt kamen über die gotischen »Kommunikationskorridore« lateinische Wörter bis in die Sprachen des hohen Nordens Europas. So wurden auf den skandinavischen Inseln Bornholm, Öland und Gotland über 800 römische Goldmünzen »Aurei« gerade aus dem 4./6. Jh., d. h. der Zeit der größten gotischen Dominanz im spätrömischen Reich gefunden. Diese »Aurei« zeigen nicht nur eine überraschende umgekehrte Verbindung der römischen Goten zu ihrer ursprünglichen Heimat und ihren skandinavischen Verwandten, sondern gaben auch das Wort ÖRE für das heutige Kleingeld (Münzen) in Norwegen und Dänemark. Überhaupt ist diese sprachliche Vermittlerrolle der Goten über Jahrhunderte, als sich verschiedene europäische Sprachen formierten, sehr interessant und wenig erforscht. Durch diese Migrationen in der Völkerwanderungszeit – natürlich nicht nur der Goten –, durch die ständige Vermischung von verschiedenen Ethnien an verschiedenen Orten in Europa kam es zu einer fortlaufenden wechselseitigen Beeinflussung und Durchdringung verschiedenster Wortschätze, die wiederum ethnisch-sprachliche Neubildungen anregten.
G/Geschichte: Diese gemeinsamen Überlieferungen sind aber nicht nur auf die Linguistik beschränkt?
A: Wir haben – und das ist eine der Innovationen, die unser Gotenprojekt hervorgebracht hat – eine wichtige gotische »Spur« auch im ethnokulturellen Bereich, in der Folklore, entdeckt und gehen ihr jetzt europaweit nach. In seinem Standardwerk übe die Festlichkeiten im Byzantinischen Reich »De ceremonis aulae Byzantinae« beschreibt der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos im 10. Jh. sog. »Gotische Spiele«. Sie seien weihnachtliche Karnevalspiele, vorgeführt an den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige (6. Januar) von gotischen Akteuren. Die in »zottelige Pelze gehüllte« Goten hätten getanzt, dabei mit ihren Lanzen an ihre Schilde geschlagen und »Tull, tull, tull!« sowie andere Sprüche und Wörter zum Wohlergeben, Fruchtbarkeit und Gesundheit gerufen.
Man muss hier hinzufügen, dass wir bis ins 11. Jh. laut historischen Quellen die sog. Gothograikoi, eine gotische Minderheit, Nachfahren der gotischen Krieger und Bauern aus der Völkerwanderungszeit haben. Sie wohnten in und um Konstantinopel, vor allem auf beiden Ufern des Marmara-Meers, hier also auch in Südostthrakien, das heute zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei aufgeteilt ist. Gerade in dieser Gegend, aber auch in anderen Teilen Bulgariens, wo laut archäologischen Untersuchungen die bedeutendsten gotischen Siedlungsgebiete lagen (Silistra an der Donau, Mittelwestbulgarien u. a.) finden wir heute den sehr populären Volksbrauch der KUKERI-Spiele. Er ist auch in Nordgriechenland verbreitet, vor allem in jenen Teilen vom griechischen Thrakien, wo die Gothograikoi gewohnt haben. Auch in der Ukraine erinnern die weihnachtlichen Maskarade-Spiele KOLJADKI sehr an die »Gotischen Spiele«. Hier, in der Kiewer Sophien-Kathedrale aus dem 11. Jh. haben wir auch die erste Darstellung der »Gotischen Spiele« als Wandmalerei im Treppenhaus.
In Bulgarien sind die KUKERI-Spiele sehr verbreitet, reich in der Kostümierung und im Brauch-Ritual, außerdem eine populäre touristische Attraktion, die in Katalogen über Bulgarien immer wieder abgebildet wird. Aber bis vor Kurzem hat man die Genealogie dieses Brauchs nicht gekannt, weil den Ethnologen die byzantinische Quelle aus dem 10. Jh. nicht bekannt war. Heute erkennt man, dass unsere KUKERI in derselben Jahreszeit, mit derselben Symbolik für Fruchtbarkeit und Austreiben des Bösen, in derselben äußeren Erscheinung der Akteure (»zottelige Pelze«) durchgeführt werden. Der durch diese Entdeckung provozierte neue Blick auf die Etymologie des Wortes KUKERI (Einzahl: KUKER oder KUK), die bis jetzt eher unklar war, zeigte sich auch als sehr produktiv: Im Altgermanischen ist KYUK der Hahn, im übertragenen Sinne der Phallus als Fruchtbarkeitssymbol. Im Schwedischen wird das Wort KUK heute gerade in der Umgangssprache für Phallus verwendet. Aber vom Altgerm. KYUK sind etwa COCK im Englischen und KÜCKEN im Deutschen abgeleitet. »Peruschan« (»Das große Kücken«) ist wiederum eine der Zentralfiguren in den bulgarischen KUKERI-Spielen. Überhaupt ist die gesamte Hahn-Symbolik zentral ist diesem Brauch in bestimmten Regionen, z. B. bei der ethnographischen Gruppe der Grebenzi (deutsch: »Die Hahnkämme«), die den KUKERI-Brauch besonders lebendig und farbenfroh ausführen. Sie wohnen in der Gegend von Silistra (das antike Dorosthorum) an der Donau – genau dort, wo die gotischen Föderaten am Limes, der sog. Ripa Gothica, wohnten.
Ähnliche Weihnachtsspiele gibt es auch in Westeuropa – das sind die PERCHTEN-Spiele in Österreich (vor allem in Tirol und in der Gegend von Salzburg) und die PSCHURI-Spiele im Schweizer Kanton Graubünden. Vieles erinnert auch hier an die »gotischen Spiele«, wenn auch andere kulturelle Faktoren mitgewirkt haben. In großen Teilen Österreichs lagen ja die Siedlungsgebiete der Pannonischen Ostgoten und der sich später mit ihnen vermischten Langobarden. Weil man den Brauch auch in Irland als MUMMERS vorfindet, könnte diese als gotisch beschriebene Festlichkeit, wie vieles z. B. im militärischen Bereich bei den Goten, ursprünglich von den Kelten übernommen worden sein. Auch hier sieht man ein gutes Beispiel, dass es »reine« Kulturen wie auch »reines« Brauchtum nie in Europa gab, und alles im Zusammenwirken der verschiedensten Ethnien, ihren Gewohnheiten und Traditionen entstanden ist.
Eine sprachliche Projektion und Parallele zu dem gotischen Spruch »Tull, tull, tull!« zum Fernhalten des Bösen, der Konstantin VII. beschreibt, finden wir heute eventuell im Deutschen »Toi, toi, toi!«. Um das mit Sicherheit sagen zu können, bedarf es aber zusätzlicher linguistischer und kulturanthropologischer Untersuchungen.
G/Geschichte: Das gemeinsame gotische Erbe Europas reicht nach Ihren Forschungen weit über Sprachspuren und Folklore hinaus?
A: Die Goten und ihre Reiche waren die ersten frühmittelalterlichen Erben des Imperium Romanum im Westen, wie eben im Osten diese Tradition von Byzanz weitergetragen wurde. Erst Jahrhunderte später entstand das Reich der Franken und wurde eine europäische Großmacht. Dabei übernahm Karl auch das gotische geistige Erbe. Das sieht man nicht nur an die gotischen Gelehrten wie Theodulf an seinem Hof, sondern z. B. auch in den Tatsachen, dass er die Prachtbibel von Theoderich dem Großen, den sog. Codex argenteus erwarb und auch das Denkmal Theoderichs nach seiner Hauptstadt Aachen brachte. Selbst der Aachener Dom erinnert an die Architektur von Theoderichs Mausoleum in Ravenna. Im Osten spielten wiederum die gotische Kultur, auch das gotische Alphabet eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der slawisch-kyrillischen orthodoxen Kulturen. Ein »gotischer Kommunikationsraum« im Süden Europas zwischen den verschiedenen Reichen und Gemeinschaften der Goten von der Krim bis zu
den Pyrinäen existierte 5–7 Jh. Die Goten waren eben eine Art geschichtliche Vermittler zwischen Antike und Mittelalter, man kann diese Rolle auch als den »gotischen Faktor« in der Geschichte Europas bezeichnen.
Das Gotische verschwand nicht einfach, sondern es integrierte sich und befruchtete die neuen mittelalterlichen Kulturen in Ost und West.
Die Synthese von Rationalität und Spiritualität, von militärischer Macht und kulturellem Adaptationsvermögen hatte eine Vorbildfunktion für das mittelalterliche Europa. Nicht zufällig wurde das Gotische in nachfolgenden Epochen verehrt oder verdammt, aber immer als etwas Herausragendes, Beispielhaftes. Die gotischen Reiche hatten im Übrigen eine eigene Gesetzgebung hervorgebracht, nicht immer auf dem Niveau des römischen Rechts, aber dennoch interessant z. B. auf dem Gebiet des Erbschaftsrechts, wo Einiges in späteren westlichen Gesetzgebungen wiederzufinden ist. Eine eigene Münzprägung, eigene Kirchensynoden usw. sprechen dafür, dass man diese Reiche und Kulturen unbedingt als wichtigen Teil der europäischen Geschichte und kulturellen Identität betrachten müsste.
G/Geschichte: Zu den Erbschaften dieser »gotischen Epoche« zählen Sie so grundlegende Konzepte wie die des abendländischen Königtums?
A: Das Konzept des abendländischen Königtums beruht auf den Vorstellungen einer Fortführung von christlicher römisch-germanischer Tradition im »göttlichen Auftrag« und wurde Jahrhunderte nach den Goten in der Bezeichnung »Heiliger Römischer Reich Deutscher Nation« als Reichsname in einer Kurzformel ausgedrückt. Der Westgoten-König Alarich I. (376–410), der Eroberer Roms, war der erste germanische König, der auch römischer Heermeister wurde. Noch ausgeprägter ist diese doppelte römisch-germanische Herrschersymbolik bei dem Ostgoten-König Theoderich dem Großen (453–526). Zeitlebens ließ es sich als Rhix/Rex bezeichnen, wie die Germanen ihre Könige zu nennen pflegten. Er hatte aber schon 488 den Titel eines römischen Heermeisters und Patricius bekommen, und 497 wurde er von Konstantinopel sogar zum Reichsregent ernannt. Er war nicht nur für Karl den Großen ein Vorbild, sondern für verschiedene europäische Könige. Dazu trug zweifellos auch seine Mythologisierung als Dietrich von Bern im Nibelungenlied oder als König Thidrek in der altnorwegischen Thidrekssaga bei. Auch die schwedischen Könige hatte wohl eine Schwäche für ihn, denn seine Bibel, der Codex argenteus wurde während der schwedischen Besetzung von Prag im 17. Jh. nach Schweden als königliche Trophäe genommen und wird bis heute in Uppsala aufbewahrt. Der schwedische Kulturhistoriker Lars Munkhammar hat den wahrlich europäischen Weg von Theoderichs Bibel über verschiedene königliche Höfe rekonstruiert und darin ist auch die besondere, auch viel spätere Bewunderung für diesen König und für seine Bibel als eine Art königliches Sakrament zu sehen.
Die Königsalbung wiederum, für das abendländische Königtum ein markantes Einführungsritual, wurde im spanischen Westgotenreich wahrscheinlich schon 631 eingeführt. Sie ist hier erstmals 672 auch schriftlich bezeugt – König Wamba (672–680) ist der erste abendländische Herrscher, dessen Königssalbung nach alttestamentlichem Vorbild ausführlich beschrieben worden ist.
G/Geschichte: Und auch das bekannteste Symbol dieses Königtums, die Krone, ist offenbar gotischen Ursprungs?
A: Es gab natürlich davor schon die christliche Kaiserkrone der byzantinischen Imperatoren im Osten, aber die ersten königlichen Kronen in der für Westeuropa typischen juweliertechnischen Ausarbeitung wurden wiederum im spanischen Westgotenreich kreiert. Weltberühmt ist die königliche Krone des Schatzfundes von Guarrazar aus dem 7. Jh. Auch das Vorbild der mittelalterlichen königlichen Urkunde war spanisch-westgotisch und wurde später über die merowingisch-karolingische Vermittlung ein Modell für die abendländische Herrscherurkunde.
G/Geschichte: Wie gegenwärtig sind diese gotischen Wurzeln bei den verschiedenen Nationen Europas?
A: Das Interesse für die Goten und ihre Geschichte und Kultur hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Auf dem Konzil zu Basel 1431 stritten die Vertreter der Habsburger und des schwedischen Königshofes, wer der eigentliche Nachkomme der gotischen Könige ist. Gerade in Schweden und Spanien hatte der Gotizismus, die Verherrlichung des Gotischen, im 17. Jh. und später eine große Blüte. Wiederum Wulfila wurde von der liberalen deutschen Nationalbewegung im 19. Jh. eine besondere Beachtung geschenkt.
Im 20. Jh. versuchten die Nazis in der für sie typischen rassistischen Manier auch die Goten für ihre Politik und Geschichtsauffassungen in Anspruch zu nehmen. Einen nennenswerten Beitrag in der Erforschung ihrer Geschichte und Kultur konnten sie aber, trotz aller größenwahnhaften Rhetorik nicht leisten. Dieses Beispiel zeigt, dass Versuche einer maßlosen politischen Instrumentalisierung von Völkern und Persönlichkeiten aus der Geschichte immer zum eindeutigen Verlust an wissenschaftlicher Substanz und Erkenntnis führen. Unter den kommunistischen Herrschaften in Osteuropa auf der anderen Seite musste alles Gotische umgekehrt herabgewürdigt, ignoriert, vergessen werden. Unter anderem, weil es auch an die geschichtlichen Verbindungen zum Westen und an einen gesamteuropäischen kulturellen Zusammenhang erinnerte. Dennoch gab es auch hier herausragende archäologische und kirchengeschichtliche Studien, vor allem in Polen, Rumänien und Ex-Jugoslawien.
In den 1970er-Jahren begann in Westeuropa eine neue Welle der Erforschung von gotischer Geschichte und kulturellen Nachlass mit neuen, komplexen Methodologien und in einem interdisziplinären Zusammenhang. Diese Forschungen und Publikationen haben in den letzten Jahren eine neue Dynamik erfahren, auch im Kontext der europäischen Erweiterung nach Osten und Südosten. Es sind einige Dutzend Wissenschaftler aus Archäologie, allgemeine, Kultur-, Wirtschafts-, Kunst- und Kirchengeschichte, sowie Sprachwissenschaftler, die das gotische Erbe in den verschiedenen Ländern Europas, oft auch in Kooperation miteinander aufarbeiten und analysieren.
Für die kulturelle Identität der Spanier sind die Goten z. B. sehr wichtig, weil sie zum spanischen Gründungsmythus gehören. Aber auch die für unsere Zeit typische Ironie und Selbstironie bei geschichtlichen Heroisierungen ist hier vorhanden, wie in Ländern, die lange Zeiten von Diktaturen mit ihren typischen Mythologisierungen der Geschichte erleben mussten. Für Schweden bleibt die Geschichte der Goten auch ein wichtiger Teil des geschichtlichen Interesses. Für Länder wie Bulgarien oder die Ukraine, die ein bedeutendes gotisches kulturgeschichtliches Erbe haben, aber es bis vor Kurzem nicht ausführlich erforschen und geschichtlich einordnen konnten, bleibt dies eine aktuelle Aufgabe für die Wissenschaft und für die Öffentlichkeit, gerade auch im europapolitischen Kontext.
G/Geschichte: Welche Folgerungen ziehen Sie aus der gemeinsamen Vergangenheit für die gemeinsame Zukunft Europas?
A: Wenn man die über ganz Europa verstreuten gotischen archäologischen Denkmäler betrachtet, die Spuren in der Sprache und in der Folklore, in den jeweiligen nationalen Geschichtsentwicklungen und dabei auch den globalen, übergreifenden Blick nicht verliert, könnte mit Sicherheit auch so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen, ähnlich wie bei dem Nachlass aus der griechischen und römischen Kultur oder aus den Ideen der Renaissance und der Aufklärung. Europa hat immer interkulturell funktioniert, oder aber ist an nationalen und religiösen Konflikten gescheitert.
Da es heute keine »reine« Goten gibt, sondern das Gotische in verschiedenen Ethnien und Kulturen eingeflossen ist, ist die Frage einer gemeinsamen Identität auch über diese »gotische Linie« eine produktive, konstruktive, nach vorn gerichtete Konstruktion – eine von vielen anderen, die die europäische kulturelle Identität der Zukunft bestimmen könnten. Gut ist es, dass wir auch eine geschichtliche Persönlichkeit wie Wulfila haben, der zum kulturellen Erbe verschiedener europäische Völker gehört und zugleich, gemäß eines wichtigen Textes in der Präambel der heutigen europäischen Verfassung alle drei für Europa wichtigen Traditionen verkörpert – die humanistischen, kulturellen und religiösen. Besonders wichtig ist natürlich seine Friedensideologie. Sie ist heute einer der Grundpfeiler des europäischen Universalismus und der europäischen Außenpolitik. Ein Gedeihen in Frieden und Freiheit, im Zusammenwirken mit anderen Völkern, in einer Verbesserung der materiellen Bedingungen, aber auch in einer Erweiterung der geistigen Horizonte waren schon Orientierungen und Ziele für Wulfila, die er zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt sogar für seine »Gothi minores« verwirklichen konnte.
Heute haben wir es leichter, aber zugleich schwieriger, weil die Welt viel komplexer und gegenseitig interdependenter geworden ist. Wie man die Ziele auch formulieren mag, die universalen menschlichen Bestrebungen nach einem besseren und erfüllteren Leben werden auch in der Zukunft Gültigkeit haben. Aus der Geschichte, auch aus der gotischen Geschichte, könnte man Lehren ziehen, aber auch einfach versuchen, vieles gedanklich nachzuvollziehen, um zu sehen, was die Goten eigentlich gesucht und gefunden oder nicht gefunden haben auf ihren langen Wanderungsweg durch Europa. Was sie bewegt hat, immer Neues zu suchen und auch Neues zu erfinden, was für das spätere Europa teilweise so wichtig war.
G/Geschichte: Welche Rolle kann das Wulfila-Haus bzw. Bulgarien dabei spielen? Welche Aktivitäten sind in den nächsten Jahren vorgesehen?
A: Das Wulfila-Haus ist ein interdisziplinäres und international ausgerichtetes Forschungszentrum, das sich nicht nur dem gotischen, sondern dem gemeinsamen europäischen Erbe und seinen aktuellen Bezügen überhaupt in einem erweiterten Ost-West-Zusammenhang widmet. Dabei interessieren uns Entwicklungen und Phänomene, die grenzüberschreitend zwischen den verschiedenen Kulturkreisen Europas
existiert haben, oder einfach einen gesamteuropäischen Kontext haben. Wie etwa auch die Kultur der Kelten, die gerade in Südosteuropa wenig erforscht ist. Interessant ist z. B. das Wirken von byzantinischen und slawisch-orthodoxen Gelehrten und Künstler im Westen, oder auch umgekehrt die jahrhundertlangen westeuropäischen kulturellen Einwirkungen auf dem Balkan. Auch die jüdischen Ost-West-Migrationen oder die türkisch-osmanischen Einflüsse etwa in der westeuropäischen Kaffeehaus- und kulinarischen Kultur sind kulturgeschichtliche Phänomene, die von aktuellem Interesse sein könnten jetzt, wo Europa immer enger zusammenrückt. Eine vergleichende europäische Untersuchung der verschiedenen nationalen Lach-Kulturen und ihren »Übergängen« könnte auch Produktives für die heutige internationale Kommunikation liefern.
Bulgarien liegt im Zentrum der Balkanhalbinsel, inmitten einer Jahrtausende alten Kontaktzone von verschiedensten Kulturen und Zivilisationen und daher ist der Aufbau einer solchen Forschungsstätte hier geradezu natürlich im Zuge des Prozesses der europäischen Erweiterung. Momentan ist natürlich die Goten-Problematik für uns von besonderem Interesse, weil es hier vieles aufzuarbeiten gilt, was auch in einem europäischen Zusammenhang von Bedeutung ist. Wir haben vor Kurzem ein sehr interessantes schwedisch-bulgarisches Forum zur Kultur der Goten durchgeführt, im nächsten Jahr planen wir eine große europäische Konferenz zu diesem Thema.
Es ist immer wieder spannend, wie in der Erforschung eines Themas oft interessante Entdeckungen gemacht werden können, die für einen anderen Kontext eine große Bedeutung haben.
Hierfür will ich ein aktuelles Beispiel aus unserer Forschung geben: Eine Inschrift auf einem Schwert, gefunden 1921 in der westbulgarischen Stadt Pernik und bis vor Kurzem nicht dechiffriert, hatte unsere Aufmerksamkeit angezogen, weil wir sie als germanisch vermutet haben. Wie sich herausstellte, mit Recht. Aber nach einer profunden sprachwissenschaftlichen Analyse, bei der unsere bekannte Germanistin Doz. Emilia Dentscheva von der Universität Sofia einen entscheidenden Beitrag leistete, erwies sich die Inschrift nicht als gotisch, sondern als westgermanisch und speziell als baierisch-langobardisch. Nun ergab die Analyse der Sprache, dass sie also ein frühes Althochdeutsch ist, vielleicht noch aus dem 6.–8. Jh. Es handelt sich um eines der ältesten, wenn nicht um das älteste schriftliche Denkmal in einer westgermanischen Sprache (zu dieser Gruppe gehören heute das Deutsche, Englische, Niederländische u. a.). Der Text, geritzt mit silbernen Buchstaben, verrät so etwas wie ein Universalspruch auf einem Ritual-Schwert, eventuell als wichtige Beilage für das Begräbnis eines Königs oder hohen Würdenträgers:
»Ich erwarte nicht die Ewigkeit, ich bin die Ewigkeit«
+ IHININIHVILPIDHINIHVILPN +
(HVIL könnet man auch mit »Zeit« übersetzen; davon ist im Deutschen das Wort »Weile« abgeleitet.)
Die Rhythmik eines Gedichtes macht den Text noch bemerkenswerter. Wir wissen, dass das westgermanische Volk der Langobarden in den Zeiten der Völkerwanderung bis in die westlichen Gebiete des heutigen Bulgariens kam, hier sind auch langobardische Fibel gefunden worden (publiziert in unserem Katalog »Gotite« 2003 in dem Beitrag von Bojan Dumanov). In den Ebenen Pannoniens vollzogen die Langobarden eine starke Akkulturation an die gotisch-reiternomadischen Gewohnheiten und wurden schließlich im 6./7. Jh. zu faktischen Erben des Ostgotenreiches von Theoderich dem Großen in Italien. Sie waren auch die letzten Träger des gotisch-arianischen Glaubensbekenntnisses in Europa, kurz bevor Karl der Große ihr Königreich eroberte und 774 zum »König der Franken und Langobarden« ausgerufen wurde.
Die Dechiffrierung der Inschrift auf dem Schwert von Pernik, die im Februar 2005 realisiert wurde, könnte, in einer zukünftigen vergleichenden Analyse mit oberdeutschen Dialekten, zu der neben das Langobardische auch das Baierische und Alemannische gehören, einen interessanten Beitrag in der Erforschung der frühen deutschen Sprachgeschichte leisten.
G/Geschichte: Herr Dr. Milev, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen der Arbeit des Wulfila-Hauses viel Erfolg und die verdiente Aufmerksamkeit.
Zur Person:
Dr. Rossen M i l e v (Jahrgang 1963) studierte an der Humboldt Universität in Berlin und promovierte an der Universität Salzburg. Er lehrte Europäische Kommunikationsgeschichte in Berlin, Wien und Zürich. Seit 1990 leitet er die Balkan Media Association (seit 2000 Balkan Media Academy) in Sofia und ist seit 2002 Leiter des Goten-Projektes, für das er internationale Initiativen, Forschungs-, Lehr- und Kulturprogramme koordiniert. 2003 gab er das Buch GOTITE (THE GOTHS) heraus – die erste umfassende Darstellung ihrer Geschichte und Kultur auf bulgarischem Boden. Sein jüngstes Buch »Wulfila, The Goths, Europe« ist 2004 erschienen.

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