Was macht die Wiedervereinigung?

So richtig will ja noch keiner dran glauben. Zypern - wieder vereinigt? Davon reden die Leute und vor allem die Politiker schon seit 34 Jahren. Jetzt aber wird es tatsächlich irgendwie konkret.

Hinter verschlossenen Türen erörtern Fachleute schon mal die praktischen Hürden und politisch brisanten Minenfelder für den Fall des Falles. Bald sitzen auch die Präsidenten Christofias und Talat wieder am Verhandlungstisch. Alles hat plötzlich so eine positive Aura. Die reicht in verschiedenen Ausprägungen vom emphatischen “Endlich Friede für Zypern” bis hin zum verdrucksten “Muss ja”.

Dabei weiß keiner, wie er sich ein einiges Zypern vorzustellen hat. Wird der neue Staat die Fortführung der Republik Zypern von 1960 oder eine “Jungferngeburt” mit völlig neuem Namen und neuen Strukturen? Mal abgesehen von entscheidenden Streitfragen, wie Rückgabe/Entschädigung oder die Entmilitarisierung der Insel, ist für Michalis und Ahmet Normalverbraucher auch wichtig, ob:
- muslimische Feiertage der Zyperntürken auch für die orthodoxen Griechen gelten und umgekehrt?
- jemand seinen Posten als Staatsbeamter behält, wenn prozentual Zyperngriechen und Zyperntürken im bestimmten Verhältnis eingestellt werden müssen?
- sich die Steuern erhöhen, wenn der Norden ohne die Hunderte Millionen Dollar aus der Türkei “durchgefüttert” werden muss? (Solizuschlag!)
- die türkisch-zyprischen Ortsnamen umbenannt werden?

Und so weiter und so fort. Damit es zu keinen Streitigkeiten zwischen den Volksgruppen kommt, hatte weiland der Annan-Plan auf rund 9.000 Seiten auch die kleinste Eventualität berücksichtigt. Alles konnte man ihm vorwerfen, nicht aber, dass er oberflächlich gewesen wäre. Zu der Zeit, als noch Witze über den Annan-Plan kursierten, machte sich die Bevölkerung über die Detailversessenheit im Wortlaut des Papiers folgendermaßen lustig: “Ein griechischer Zyprer darf nach der Wiedervereinigung Sex haben mit einer Zyperntürkin, aber während einer Übergangsperiode von 20 Jahren nur in begrenztem Umfang: Im ersten Jahr nach Inkrafttreten des Vertrags nur eine Stunde in der Woche, mit ansteigender Häufigkeit von drei Prozent in den folgenden Dreijahrensabschnitten.”

Abgesehen von den konkreten Umständen einer Wiedervereinigung, die nun alle neu verhandelt werden sollen, erscheinen in letzter Zeit so manche Zeichen des Umdenkens. Positiver Geist wird verbreitet. Eine bi-kommunale Studie über den Tourismus fand heraus, dass eine Vereinigung des Landes der Urlaubswirtschaft neuen Schwung verleihen würde. Eine andere Untersuchung stellte in Aussicht, dass ein gemeinsamer Staat ökonomische Vorteile bringen würde, konkret einen Gewinnanteil von 5.500 Euro pro Familie in den ersten sieben Jahren. Leider war formuliert “jeder Familie” - und nun hofft so mancher auf eine fette Auszahlung.

Der griechisch-zyprische Oppositionsführer lädt den Führer der Zyperntürken zum Dinner in sein Haus ein. Die beiden First Ladies treffen sich zum Kaffee. Es ist plötzlich sogar möglich, öffentlich den Gedanken zu äußern, ob die Republik Zypern nicht Wasser aus der Türkei importieren solle, ohne dass man dafür verbal gesteinigt wird. Bei einer Pressekonferenz der UN wurden - wie seit Jahren üblich - nach dem offiziellen Statement den türkisch-zyprischen und den griechisch-zyprischen Medien je zwei Fragen zugestanden. Zum ersten Mal erhob sich eine Stimme: “Wir sind hier keine Zyperntürken oder Zyperngriechen, wir sind alle Journalisten.” (Zustimmendes Gemurmel)

Zyperns Tauwetterperiode hat begonnen. Wenn sich die klimatische Dürre nicht auch noch auf die Politik ausweitet, wird es hoffentlich ein fruchtbarer Sommer.

Autorin:

Christiane Sternberg

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