Die Karrner
Um der enormen Zunahme der Karrner zuvorzukommen, erließen die Dorf- und Talgewaltigen Heiratsverbote. Half dies nichts, wurden die wehrfähigen Männer zur Karrnerjagd aufgerufen. Unter dem Vorwand der Hexenbekämpfung ließ 1675 der Erzbischof von Salzburg, Max Gandolf von Khuenberg, 180 Landstreicher vor Gericht stellen, “wo sie fast restlos zu einem möglichst grausamen Tod verurteilt wurden, Männer und Frauen bis zu hundert Jahren und Kinder bis zu drei Jahren herunter”, schreibt Norbert Mantl in “Die Karrner”, erschienen in den Heimatblättern des Tiroler Heimatpflegeverbandes.
Auch im 18. Jahrhundert weist die Chronik Karrnerverfolgungen auf. 15 bis 20 Mann machten sich auf Karrnerjagden, um das fahrende Volk zu vertreiben. Grund dieser Menschenjagd, so Mantl, sei gewesen, die “Heimatberechtigung durch Ersitzen” zu verhindern. Trotzdem überlebten die Karrner. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren Stilfs, Laatsch und Tartsch noch die Stammheimat der so genannten Vinschgauer Storchen gewesen. Geflochtene Körbe boten sie an, zogen mit Zeltwagen, Pferde-, Hunde- und auch Menschengespann durch den Vinschgau. Im Sommer kampierten die Landfahrer an Wassergräben. Bevorzugte Rastplätze waren der Prader Sand, die Eyrser Lahn, die Tscharser Weidenzone und die Rablander Lahn. Im Winter stellten die Heimatgemeinden dem fahrenden Volk Notunterkünfte zur Verfügung.
1935/36 war dann der große Wendepunkt. In Tartsch wurde damals die Staatsstraße erweitert. Die Karrner mussten weichen und wurden in einer Behelfsunterkunft untergebracht. Diese Karrner verließen 1939 als erste Südtiroler im Zuge der Option ihre Heimat. Zurück blieben jene Karrner, die ihre Identität aufgegeben hatten, zu anerkannten Bürgern aufgestiegen waren. Seitdem gibt es die Storchen nicht mehr.
Würde man meinen.
