Das Blasmusikwesen in Südtirol - Volkskultur zwischen Tradition und Erneuerung

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Drei wesentliche Abschnitte lassen sich in der Entwicklungsgeschichte des Blasmusikwesens in Südtirol erkennen:

- der erste umfaßt den Zeitraum vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis 1920;

- der zweite Abschnitt ist gekennzeichnet vom fast völligen Niedergang allen Vereinswesens als Folge der Annexion Südtirols durch Italien im Jahre 1920, die Machtergreifung der Faschisten und deren Unterdrückungspolitik gegenüber der Südtiroler Bevölkerung;

- und schließlich der Neubeginn 1948, bei dem mit der Gründung des Verbandes Südtiroler Musikkapellen ein überaus bemerkenswerter Aufbruch bewirkt und eine langfristige und nachhaltige Entwicklung eingeleitet wurde.

Ab dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts läßt sich das Hervorgehen ziviler Laien-Bläsergruppen aus den Pfarrmusiken deutlich nachvollziehen. Der oftmals nahtlose und sich über einen längeren Zeitraum hinstreckende Übergang der ausschließlich kirchlichen Aufgaben verpflichteten Pfarrmusiken in unabhängige, vereinsmäßig organisierte “Türkische Musiken” und schließlich in Musikkapellen beinhaltet jedoch objektive Schwierigkeiten bei der Festlegung genauer Gründungsdaten.

Von den heute 210 aktiven Mitgliedskapellen des VSM datieren achtzehn Vereine ihre Gründung vor 1814, 107 zwischen 1814 und 1914. Lediglich zwei dieser achtzehn “ältesten” Musikkapellen
(Kastelruth,1796 und Brixen, 1801) bringen ihre Entstehung mit den Schützen, also mit militärischen Gegebenheiten, in Zusammenhang.Eine außergewöhnliche Bildquelle zur ältesten der wenigen bekannten bürgerlichen Musikbanden dieser frühen Zeit stammt aus dem Jahre 1790 und ist im Stadtmuseum von Bozen verwahrt.
Ein Erinnerungsbild zum Einzug der Kaiserin Maria Luise in Bozen stellt die Bande der städtischen Schützenkompanie dar. Die einheitlich in Tracht gekleideten Musiker sind in fünf Reihen zu je vier Mann ausgerichtet und an der Spitze der Formation marschiert ein Tambourmajor mit Tambourstab.

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Das Bild “… stellt diese Musikkapelle in einer Form dar, die der Zeit vorauszueilen scheint…An Instrumenten erkennt man Trompeten, Waldhörner, Klarinetten, Fagott, zwei Trommeln und Tschinellen.”[1]

1817 berichtet Johann Baptist Gänsbacher (1778 - 1844) in den “Denkwürdigkeiten aus meinem Leben”[2] von der Aufführung einer von ihm komponierten Kantate zur Erbhuldigung in Bozen: “Eine Harmoniemusieck von Dilettanten bestand und übte sich schon seit Jahren. Diese in Verbindung mit dem Pfarrchor und den übrigen Dilettanten bildeten daher ein ganz treffliches Orchester.”
Gänsbacher, der 1815 mit der Aufstellung der ersten Militärmusik der Tiroler Kaiserjäger betraut worden war, schuf an die 30 Kompositionen für verschiedenste Bläserbesetzungen.

Ab etwa 1815 finden sich immer häufiger und aus den verschiedenen Landesteilen Nachrichten von neu entstandenen Musikbanden. Zwar bedingt das Fehlen systematisch geführter Chroniken vielfach nach wie vor gewisse Unsicherheiten in der Festlegung des jeweiligen Gründungjahres, aber in den meisten Fällen sind die zeitlichen Zusammenhänge zwischen der ersten urkundlichen Erwähnung und der effektiven Gründung deutlich zu erkennen.

Die enge Bindung an die Kirche bleibt auch in den folgenden Jahrzehnten ein Wesensmerkmal der Blasmusik-Entwicklung in Südtirol. Die Mitgestaltung von Prozessionen und anderen kirchlichen Anlässen bleibt noch Jahre lang die Hauptaufgabe der Musikvereine, die vom Klerus in vielen Fällen maßgeblich gefördert und unterstützt wurden, der aber gleichzeitig auch sehr streng darüber wachte, daß sich die Musikanten “nicht den Entartungen der weltlichen Tanzmusik hingeben, oder gar die Instrumente, die der Kirche gehören, für das weltliche Musizieren gebrauchen.”[3]

Etwa um 1870 geriet die Symbiose Kirche-Blasmusik durch den Cäcilianismus teilweise arg ins Wanken. Diese Reformbewegung hatte es sich zum Ziel erkoren, die allgemein übliche “anspruchslose instrumentale Kirchenmusik”[4] gründlich zu überwinden. Ernst Knapp schreibt dazu in seinem Werk “Kirchenmusik Südtirols”: “Zu Recht wurde jene Richtung mißbilligt, welche die Kirchenmusik allzu sehr in den Ausdrucksbereich der weltlichen Instrumental-, vor allem der Opermusik gerückt hatte…Weitere Verfallserscheinungen waren die Verwendung trivial-banaler Melodien im Tanz- und Marschcharakter. Zu Beginn eines Hochamtes wurden Intraden und am Ende sogar sogenannte “Tusche” und Trommelwirbel (bei der Intonation des Gloria) gespielt.”[5]
Zwar lösten die folgenden Weisungen des bischöflichen Ordinariates die bisherige enge Verbindung von Kirche und Musikkapelle nicht ganz auf, verbannte aber letztere aus dem Kirchenraum und beschränkte die Mitwirkung der Musikanten an religiösen Veranstaltungen auf die Prozessionen.
Diese doch drastische Einschränkung ihres bisherigen Aufgabenfeldes hat sicherlich viele Kapellen bewogen, sich verstärkt nach neuen Auftrittsmöglichkeiten umzusehen.
Zudem brachten um 1880 die Feuerwehren als bestens organisierte und aufgrund des Vereinsrechtsgesetzes von 1867 auf solider rechtlicher Grundlage stehender Vereine ein neues Entwicklungsmoment auch für die Musikkapellen ins Spiel. Innerhalb der Wehren und als Teile dieser Organisationen wurden Musikkapellen gegründet oder sistierte reaktiviert.

Systematische Aufzeichnungen zum Spielgut der Musikkapellen im 19 Jahrhundert oder gar geordnete Archive sind bei den Südtiroler Musikkapellen kaum vorhanden.
Die diesbezüglich ebenfalls eher spärlichen Hinweise in den in den vergangenen Jahren recht zahlreich erschienen Festschriften, sowie Forschungsergebnisse aus anderen Teilen Alt-Österreichs lassen jedoch den Schluß zu, daß sich das Repertoire hauptsächlich aus Märschen, Walzern und Polkas , sowie aus Operetten- und Opernbearbeitungen, meist in Potpourri-Form zusammensetzte.
Bemerkenswerte erste Schritte hin zu Originalkompositionen für Harmoniemusik, die den vorhin genannten formalen Rahmen sprengen, setzte der Kirchenmusiker Franz Schöpf (1836 - 1915), der 1863 maßgeblich an der Gründung des Cäcilien-Verbandes beteiligt gewesen war und von 1854 bis 1859 die Musikkapelle Partschins leitete. 1866 schuf er die “Jubel-Ouverture für große Harmonie” und die “Festouverture in As”.
Vor Schöpf war Matthäus Nagiller (1815-1874), der in Paris als Lehrer am Konservatorium und als Komponist große Erfolge feierte, Kapellmeister in Partschins. Seine Werke für Harmoniemusik sind allerdings verschollen.
Der Ausbruch des ersten Weltkrieges bewirkte eine radikale Zäsur in der Entwicklungsgeschichte des Südtiroler Blasmusikwesens. Zwar konnten alle Musikkapellen, die im Verlauf des Krieges ihre Tätigkeit einstellen mußten, nach 1918 wieder reaktiviert werden, aber die völlig veränderte politische Lage hatte alsbald tiefgreifende Auswirkungen auf das Kulturleben im allgemeinen und auf das Vereinswesen im besonderen.
Die Anpassung der Konzertprogramme an das staatliche Kulturempfinden durch Aufnahme von Bearbeitungen italienischer Opern und die teils skurrilen Versuche zur Verschleierung der Weiterverwendung des traditionellen tirolisch-österreichischen Repertoires durch Titeländerungen sowie der zwangsweise Anschluß an die nationale Freizeitorganisation “Opera Nazionale Dopolavoro” ermöglichten zunächst noch einigen Musikkapellen den Weiterbestand.
In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre nahm der politische Druck jedoch zu und führte ab 1939, auch als Folge der eingeleiteten Umsiedlung der Südtiroler, zur Auflösung nahezu aller Musikkapellen bzw. zur Einstellung ihrer Tätigkeit.    1948 erfolgte auch die Gründung des Verbandes Südtiroler Musikkapellen und damit wurde eine völlig neue Ära in fachlich-musikalischer, ausbildungsmäßiger und auch organisatorischer Hinsicht eingeleitet.
Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges hatten im Wesentlichen zwei österreichische Institutionen die Grundlagen für die musikalische Ausrichtung der Musikkapellen gebildet: es waren dies zum einen die Lehrer, die als “Musikkundige” vielfach sowohl als Organisten und Chorleiter als auch als Kapellmeister tätig waren und auf diese Weise das gesamte Musikleben in der Gemeinde entscheidend prägten, und zum anderen waren es die Militärkapellen, die eine nachhaltige Vorbildfunktion in Stil- und Besetzungsfragen ausübten und zudem ein großes Reservoir an bestens ausgebildeten Musikern bildeten.

Beide dieser tragenden Elemente waren nach 1919 in Südtirol abhanden gekommen und es galt, der dadurch entstandenen prekären Situation mit der Schaffung geeigneter, praxis- und bedarfs-bezogener Strukturen entgegenzuwirken. Durch die Einbeziehung von Fachleuten auch außerhalb des Verbandes und die Kontaktaufnahme mit bereits bestehenden Verbänden und Organisationen aus ganz Europa wurde auf der Grundlage einer gediegenen Organisation nach und nach ein Konzept entwickelt und verwirklicht, das Ausdruck weitläufiger volksbildnerischer Intentionen war und ist.
Neben dem bereits angesprochenen organisatorischen Aufbau galt es vor allem in den Bereichen der Aus- und Weiterbildung der Kapellmeister und der Musikanten sowie in der Repertoire-erneuerung tätig zu werden.
Der zu diesem Zwecke erarbeitet Bildungsplan wurde im Laufe der Jahre aktuellen Erfordernissen und neuen Gegebenheiten mehrfach angepaßt und vor zwei Jahren in Form eines Handbuches für Funktionäre und Mitarbeiter neu herausgebracht. Er beinhaltet u.a. die Richtlinien für

a) die Kapellmeisterausbildung
b) das Bildungsangebot für Bläser
c) die Jugendarbeit
d) die Musik in Bewegung

Die wesentlichsten Aspekte daraus sollen hier kurz vorgestellt werden:

Der bisher in fünf aufeinander aufbauende zehntätige Kurse gegliederte Kapellmeisterlehrgang wird
derzeit neu strukturiert. Durch die Einführung von Ergänzungsseminaren zwischen den jeweiligen
Hauptkursen soll die intensivere Auseinandersetzung der Kursteilnehmer mit den Inhalten in einem
reduzierten zeitlichen Rahmen bewirken.
Gewissermaßen als Werbe- Vorbereitungs- und Ausleseveranstaltung wird im kommenden Herbst
erstmals ein Schnupperkurs für Kapellmeister-Anwärter angeboten.

Im Zuge einer verstärkten Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikerziehung wird das viersemestrige Kapellmeisterseminar nun von den Musikschule Meran, Brixen und Bruneck angeboten.

Seit Jahren strebt der VSM zusammen mit dem Südtiroler Sängerbund zudem die Einführung eines regulären Studiums am Konservatorium in Bozen an und es hat den Anschein, als könnte dieses Vorhaben in absehbarer Zeit verwirklicht werden.

1977 war vom Land Südtirol das Institut für Musikerziehung gegründet worden, das in der Folge ein flächendeckendes Netz von Musikschulen aufgebaut hat und im Verlauf der Jahre in immer größerem Ausmaß die instrumentale und theoretische Grundausbildung des Bläser- und Schlag-zeugernachwuchses übernahm. Heute erhalten rund 80 % der Jungmusikanten ihre Ausbildung an den Musikschulen des IME.

Der Anteil an jugendlichen Mitgliedern in den Musikkapellen unseres Landes ist in den vergangenen Jahren ständig gestiegen. Heute sind über 31 % jünger als 20 Jahre und weitere 30 % sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Daraus ergibt sich ganz deutlich die Notwendigkeit, der Jugendarbeit verstärktes Augenmerk zu schenken.
Neue Akzente im Bereich Jugendarbeit wurden in jüngster Zeit mit zwei bemerkenswerten Initiativen gesetzt: dem Projekt Kinder- und Familienkonzerte und dem zweijährigen Jugendleiter-seminar.
Mit dem Projekt Kinder- und Familienkonzerte soll, in enger Zusammenarbeit mit der Schule und im Sinne eines fächerverbindenden Unterrichts, versucht werden, Kinder im Grundschulalter in aktiver und mitgestaltender Weise an die Musik heranzuführen.
Zur Förderung einer zielführenden Jugendarbeit in den einzelnen Musikkapellen bietet der VSM seit kurzem ein zweijähriges Jugendleiterseminar an. In sechs mehrtägigen Unterrichtseinheiten werden dabei theoretische und praktische Grundlagen zur Jugendarbeit im allgemeinen und zur musikalischen Jugendarbeit im besonderen vermittelt.

Ein weiterer Ansatzpunkt erneuernder Kulturarbeit ist das Spielgut, dessen Aktualisierung vom Verband von allem Anfang an mit Nachdruck gefordert und gefördert worden ist.
Über die verbandseigene Notengemeinschaft, eine Art Noten-Einkaufsgenossenschaft und über energisch auferlegte Vorgaben bei Verbandsveranstaltungen wurde der Nährboden für eine Neuorientierung bereitet.

Mittlerweile sind in diesem Bereich vom VSM bereits mehrfach konkrete Impulse in Form von Kompositionswettbewerben oder Kompositionsaufträgen zu bestimmten Anlässen ausgegangen und haben dazu geführt, daß Werke von Kees Vlak, Norbert Hoffmann, Albert Häberling, Dieter Herborg, Florian Bramböck, Henk van Lijnschooten, Karl Horst Wichmann, Erich Giuliani, Peter Wesenauer, Marco Somadossi und Lorenzo Della Fonte bei Verbandsveranstaltungen uraufgeführt wurden. Darüberhinaus haben sich so gut wie alle einheimischen Komponisten (detailliertere Informationen dazu werden Sie im Referat von Verbandskapellmeister Gottfried Veit erhalten) teils mehr, teils weniger mit dem Genre Blasmusik auseinandergesetzt.
Die Suche nach unverbrauchten musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten hat seit kurzem auch einzelne engagierte Kapellen dazu veranlaßt, zu besonderen Festlichkeiten Kompositionen in Auftrag zu geben. Auf diese Weise entstanden neue Werke von Gottfried Veit, Frigyes Hidas, Florian Bramböck, Lasse Eerola, Rolf Rudin, Serge Lancen, Josef Bernhard und Thomas Doss.

Ein bestimmendes Element in der Entwicklung des Verbandes Südtiroler Musikkapellen war die vom Moment seiner Gründung an intensivst gepflogene internationale Zusammenarbeit.
Die Einbindung des VSM in Organisationen wie den “Internationalen Musikbund” und die “Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik”, die Kontakte zu zahlreichen Blasmusikexperten in ganz Europa und zu den Verbänden in Österreich, Deutschland der Schweiz und auch darüberhinaus brachten und bringen noch immer vielfältige neue Impulse nach Südtirol. Diese Bereitschaft zur bedachten Öffnung, verbunden mit dem Bewußtsein um die eigenen kulturellen Wurzeln, hat Südtirol zu einer lebendigen Blasmusiklandschaft erblühen lassen, deren Pflege und Weiterentwicklung vielen Menschen im Lande Auftrag und Verpflichtung ist.

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Eine Antwort zu “Das Blasmusikwesen in Südtirol - Volkskultur zwischen Tradition und Erneuerung”

  1. Koch- und Küchenblog sagt:

    Zurück zu den Wurzeln - Tradition und Moderne……

    Ginge es nach den Zukunftsvisionären  des letzten Jahrhunderts, müssten wir längst im silberfarbenen Einheitslook durch sterile Räume schweben. Dienstbare Roboter quatschten oder piepsten uns zu - erleichterten unseren Alltag aber ungemein. Unse……

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