1905-1930 Angela Nikoletti

By Mazinga Z

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Abend. Verhör. Alles sollte ich gestehen. Wer mich angestellt, Stunden zu erteilen, wer mich bezahlt, von welchen Familien ich die Kinder unterrichte usw….
Ich gab zur Antwort: Wenn sie so neugierig sind, sollen sie selbst suchen gehen. Mich haben sie ja auch gefunden. Mehr brachten sie nicht heraus. Meine Tanten aus Tramin wolten mir ein Nachtessen bringen. Beide wurden samt dem Essen zur Tür hinausgeworfen, unter Drohungen und Beschimpfungen ….. Um 11 Uhr nachts führten sie mich in den feuchten Keller. Bis zum Morgen lehnte ich an der naßkalten Wand. Müde, abgeschlagen.”

“Margreid, am 31 Mai 1905. Heute um Mitternacht folg ein Heidenmägdlein der jungen erschreckten Mutter an die Brust. Ein kleiner Schreihals hat das Licht der Welt erblickt auf dem gräflichen Anwesen zu Margreid.”

“Am 2. Juni 1905. Nun ist der strampelnde Heidenbengel ein reglerechtes Christenmädchen. H.H. Coop. Obkircher hat es getauft unter H.H. Pfarrer Steck.”

Mit der Geburt im Dienstsbotenhaus des Grafen Salvadori (Grafengasse Nr. 3) beginnen die Lebenserinnerungen der Angela Nikoletti. Da der Vater als Taglöhner, die kränkelnde Mutter als Hilfshebamme bald hier, bald dort ihr Brot verdienen mussten, wuchs Angela ohne feste Heimat auf. Mit Kriegsausbruch 1914 wird ihre Familie endgültig zerschlagen, und die Neunjährige kommt zu ihrer Tante Angela Peer nach Kurtatsch, wo sie erstmals Geborgenheit findet und eine unbeschwerte Kindheit erlebt. Mit Vorzug schließt sie 1926 die Lehrerbildungsanstalt in Zams ab. Inzwischen war jedoch jeder deutsche Schulunterricht von den faschistischen Machthabern verboten worden. Es entstand die geheime “Katakombenschule”.

“Oktober 1926. In Begeisterung und Freude habe ich mich verpflichtet, den armen, beraubten Kleinen Deutschstunden zu erteilen. Dreißig Kinder kamen im Ganzen zu mir. Küche, Zimmer und Garten waren die Schulräume. Bis 9 Uhr abends dauerte täglich meine Schule. Ich hatte Freude, obwohl ich oft recht müde war.”

“11. Mai 1927. Der Podestà ließ mich rufen. Mit scharfen Worten stellte er mich zur Rede wegen der Erteilung des Deutschunterrichtes.”

Auf die Drohungen des Podestà (faschistischen Amtsbürgermeisters) entgegnete sie frei und unerschrocken, dass es ein größeres Verbrechen sei, den Kindern die Muttersprache zu rauben als ihnen Unterricht zu geben. Am 14. Mai 1927 wird Angela Nikoletti verhaftet.

“Im Kerker, Mai 1927. Schmutzige, modrige Luft, Dunkel, feuchte, verschmierte Mauern, mit Eisenringen eingehauen. Einen ekelhaft stinkenden Kübel in der Ecke ohne Deckel. Müde fiel ich auf die Pritsche hin. Verlassen fühlte ich mich und einsam. Nur kurze Viertelstunden konnte ich die Augen schließen, um bald wieder aus schrecklichen Träumen zu erwachen. Und jeden Tag wurde ich matter.”

“Der Urteilsspruch lautete: 30 Tage bedingunsweise Arrest, fünf Jahre Polizeiaufsicht und, das Bitterste für mich, Ausweisung aus meiner Heimat Kurtatsch.”

“Juli 1927. Ich war bald da, bald dort. In Neumarkt, in Margreid, in Terlan. Es nagte und nagte in mir, und in Terlan brach ich zusammen.”

Die Heimat geknebelt, keine Aussicht, ihren über alles geliebten Beruf ausüben zu können, und die ständigen Drohungen der Gewalthaber zehrten an ihrer Überlebenskraft. Eine kaum verheilte Rippenfellentzündung verschlimmerte sich, eine Tuberkulose kam hinzu. Monate verbrachte sie im Krankenhaus.

“Und im Oktober 1929 fing nun wieder das Leid an. Ein trüber, gemütstrüber Winter. Tod und Grab und Grab und Tod in meinen Ahnungen, und Furcht und Bangen.”

“Vorfrühling 1930. Langsam , langsam sank Ergebung auf mich nieder. Juni 1930. Und jetzt warte ich und warte, warte. Aber nicht mehr auf Gesundheit und irdisches Glück. Ich warte auf den Tod. Er streift mich manchmal, dann geht es wieder vorbei. Ich lebe auf und sinke nieder und lebe auf und sinke nieder, immer wieder. Wann wird er kommen, der Sensemann? Im August? Im November? Ade, ade, du Welt! Ich scheide leicht.”

Am 30. Oktober 1930, im Blütenalter von 25 Jahren, starb Angela Nikoletti, zerbrochen am Terror der unmenschlichen Machthaber, der zwar ihren Geist und Opfermut nicht brechen konnte, die aber ihre zarte, schwache Natur nicht gewachsen war.

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2 Antworten zu “1905-1930 Angela Nikoletti”

  1. Valentin[o] sagt:

    Doch die beste Kurtatscher “Mitbürgerin” aller Zeiten.
    …Franz Philipp Fenner von Fennberg a parte ;-)

    Ottima segnalazione.

  2. Francis sagt:

    In Margreid ist auch eine Strasse nach ihr benannt! In Kurtatsch die Schual! Eine grosse Bürgerin!

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